Blickpunkt Standpunkt VDV: Politik entscheidet, Gutachten liefert Grundlage o i g e R B D : o t o F Auf die nächsten drei Jahrzehnte! von Dr. Dirk Rothenstein, Leiter Markt- und Produktmanagement DB Regio AG Vor 30 Jahren, am 1. Januar 1996, wur- de die Regionalisierung des Nahverkehrs auf der Schiene wirksam. Sie ist unbe- streitbar eine Erfolgsgeschichte für den SPNV und besonders für die Länder. Für sie tat sich ein völlig neues Politikfeld auf, das sie mit finanziellen Mitteln des Bundes auf unterschiedlichen Wegen ge- stalten. Wir als DB Regio verstehen uns als Dienstleister der Länder und gehen in jedem Land jeden Weg mit. Aber wenn wir Wünsche für die Zukunft frei hätten, dann wären es zum Beispiel diese: mehr Mut und finanzielles Engagement auch über die Regionalisierungsmittel des Bundes hinaus und mehr Partnerschaft mit den Verkehrsunternehmen. Mobilität im Nahverkehr zu gestalten ist Länder- sache. Mobilität muss aber mehr sein als nackte Daseinsvorsorge. Mobilität hat eine soziale Dimension, weil sie gesell- schaftliche Teilhabe ermöglicht, und eine ökonomische Funktion, weil sie volks- wirtschaftliche Wertschöpfung bewirkt. In öffentliche Mobilität zu investieren, ist für jedes Land gut investiertes Geld – auch wenn die Mittel nicht vom Bund kommen. Außer Frage steht dabei, dass die Mittel knapp sind. Aber die Länder haben es in der Hand, ein möglichst gu- tes Nahverkehrsangebot daraus zu ma- chen. Dazu braucht es über Zuständig- keitsgrenzen hinweg Partnerschaft mit den Verkehrsunternehmen. Deren Know- how deckt die ganze Leistungskette ab. Leistungsketten zu zerstückeln, hat da- gegen Schnittstellen zur Folge, erhöht die Fehleranfälligkeit des Systems, treibt den Koordinationsaufwand in die Höhe und führt so zu mehr Ineffizienzen und somit höheren Kosten. Hier die Richtung zu ändern, birgt Chancen für die Quali- tät und Leistungsfähigkeit des SPNV. Das sollten die Länder nutzen. Die Regionalisierung ist eine Erfolgs- story. Das muss sie auch bleiben. Zusam- men mit den Ländern werden wir alles dafür tun. Auf die nächsten 30 Jahre! 4 Nach der Publikation des Leistungs- kostengutachtens im Mai 2025 hat der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) die Resultate des Gutachtens nun auf die Länder heruntergebrochen. „Die Ergeb- nisse bilden einen detaillierten Transforma- tionsfahrplan bis zum Jahr 2040 und stellen aus Sicht der Branche zugleich die fachlich fundierte Basis für den künftigen Finanzie- rungsbedarf dar“, heißt es darin. Wie im Gutachten für ganz Deutschland werden die Leistungskosten auch hier für die beiden Szenarien „Modernisierung 2040“ und das „Deutschlandangebot 2040“ berech- net. Ersteres zielt auf Zukunftssicherung durch Substanzerhaltung, Letzteres auf eine Erschließungs- und Angebotsqualität, die ei- nen „ÖPNV für alle und überall“ ermöglicht. Beide setzen ein klares Bekenntnis der Poli- tik zu ÖPNV und öffentlicher Finanzierung voraus, das mit einem angemessenen Eigen- beitrag der Branche einhergeht: So sollen interne Prozesse optimiert, die Produktivität erhöht, Kosten gesenkt und die Digitalisie- rung beschleunigt werden. In den Kernbotschaften der regionalisierten Leistungskostengutachten heißt es dazu uni sono: „Insbesondere das Land ist gefordert, in seinem Haushalt langfristig zusätzliche und zweckgebundene Mittel für den ÖPNV bereitzustellen.“ Zudem plädiert der VDV für legislaturübergreifende Finanzierungsver- einbarungen zwischen Bund und Ländern. Ein Blick nach Baden-Württemberg, Rhein- land-Pfalz und Sachsen-Anhalt – allesamt Flächenstaaten, in denen 2026 Landtags- wahlen anstehen – verdeutlicht die Größen- ordnung der Investitionen, um die es dabei geht. Danach wäre in Baden-Württemberg bis 2040 ein jährlicher Mittelaufwuchs von 453 Millionen Euro erforderlich, um die für das Deutschlandangebot erforderliche Erschließungs- und Angebotsqualität zu gewährleisten. Genug, um das ÖPNV-An- gebot, gemessen in Sitzplatzkilometern pro Jahr, um 119 Prozent und die Nachfrage um 38 Prozent zu erhöhen. Beim Modernisie- rungsszenario wären es fünf beziehungswei- se zehn Prozent. In Rheinland-Pfalz wäre das Deutschlandan- gebot mit einem jährlichen Mittelaufwuchs von 164 Millionen Euro realisierbar. Das ÖPNV-Angebot würde dann um 50 Prozent, die Nachfrage um 26 Prozent wachsen. Beim Modernisierungsszenario bliebe das Ange- bot hingegen gleich, während die Nachfrage um zwei Prozent sänke. Sachsen-Anhalt könnte das Qualitätsniveau des Deutschlandangebots mit einem Mittel- aufwuchs von jährlich 77 Millionen Euro er- reichen. Das Sitzplatzangebot wüchse dann um ein Drittel und die ÖPNV-Nachfrage um elf Prozent. Beim Modernisierungsszenario bliebe das ÖPNV-Angebot bei einer um sie- ben Prozent geschrumpften Nachfrage nahe- zu gleich. „Unsere Adressaten in der Politik erw Der Bundesverband SchienenNahverkehr (BSN) hat im November 2025 Peter Panitz zum neuen Präsidenten gewählt. Panitz ist Geschäftsführer der Nahverkehrs Sachsen-An- halt GmbH (NASA). Herr Panitz, in einem Statement nach Ihrer Wahl als neuer BSN-Präsident haben sie vier Herausforderungen hervorgehoben: das drohende Aus der Trassenpreis- bremse, die Unterfinanzierung der Regionalisierungsmittel, die Ka- pazitätsengpässe auf der Schiene und den Zustand der Infrastruk- tur. Was davon ist für Sie am wich- tigsten? „Das lässt sich nicht priorisieren, weil alle Themen mitein- ander zusammenhängen. Wir brauchen eine ange- messen finanzierte Infra- struktur. Deren Nutzung H b m G A S A N : o t o F muss fair bepreist werden, möglichst auch so, dass Mehrverkehr angereizt wird. Die Dimen- sionierung der Regionalisierungsmittel muss dazu im Verhältnis stehen. Sie muss die Kos- tensteigerung der letzten und der kommen- den Jahre abfangen, mögliche Veränderungen beim Trassenpreissystem ausgleichen und die Angebotsanpassungen aufgrund des Deutsch- landtickets berücksichtigen.“ Wie schätzen Sie die Bereitschaft ein, die Probleme entschlossen und nachhaltig anzugehen? „Die Bereitschaft der Politik ist grundsätzlich groß. Die Probleme sind erkannt, auch in ihrer Bedeu- tung. Aber sie reihen sich ein in viele andere Herausfor- derungen, mit denen Deutschland bis hin zur geopolitischen Lage aktuell zu tun